Garten- & Landschaftsbau-Verband

Extreme Bedingungen

ThinkstockPhotos 598237278 smalStadtbäume haben besondere Bedürfnisse. Luft, Wasser und Nährstoffe sind die Basis zum ­Erfolg. Doch die dringen in der Enge der Stadt oft nicht bis in die Wurzeln durch. Stefan Schmidt von der HBLFA Schönbrunn, Abteilung Garten und Landschaft, und Brigitte Dunkl nehmen sich den ­speziellen Anforderungen unserer Stadtbäume an.

Dass Bäume am besten in möglichst ungestörtem Oberboden wachsen, wissen natürlich alle. Aber diese Situation ergibt sich im innerstädtischen Straßenwirrwarr im Allgemeinen nicht. Ein Blick auf eine durchschnittliche Stadtstraße zeigt uns, dass der „normale“ Baumstandort irgendwo eingekeilt zwischen Fahrbahn und Gehweg liegt. Meist wird der Bereich auch noch als Trasse für Ver- und Entsorgungsleitungen genutzt. Die Wurzelentwicklung auf so wenig Raum, und das eventuell noch mit zu geringem Abfluss von Regenwasser, kann nicht gut gehen. 

Wie viel Raum für Wurzelmasse braucht ein durchschnittlicher Baum eigentlich? Im ungestörten Oberboden, sprich Garten, soll die Baumgrube eineinhalb bis zweimal so groß wie der Ballen sein. Im urbanen Bereich gibt uns eine einfache Faustzahl Auskunft: Laut den Empfehlungen für Baumpflanzungen der FLL beträgt das Volumen für eine Baumgrube 12 bis 16 Kubikmeter. Wobei es Städte wie München gibt, die 30 Kubikmeter für angemessen erachten. Betrachtet man die natürliche Kronenentwicklung eines Baumes und geht von einem Kubikmeter Wurzelvolumen pro Quadratmeter Kronenprojektionsfläche aus, so übersteigt der Bedarf eines auch nur halbwegs gutgewachsenen Baumes im Laufe seines Lebens dieses Angebot um ein Vielfaches. In der Realität erhalten Bäume oft nur drei Kubikmeter Platz, und man erwartet ein gutes Wachstum und hohe Standfestigkeit.

Hilfreiche Baumsubstrate
schema smalEine gut vorbereitete Baumgrube mit 12 Kubikmeter Raumvolumen bietet dem Baum rund 3.000 Liter Luft, 1.500 Liter pflanzenverfügbares Wasser und 1.500 Liter nicht pflanzenverfügbares Wasser. Wobei die Befüllung mit dem richtigen Substrat von Nöten ist. Baumsubstrate bestehen aus einem stabilen, verdichtbaren, mineralischen Gerüst von Kantkörnern unterschiedlicher Fraktionen. Die Poren dazwischen können nicht mechanisch verdichtet werden. Sie bilden eine Struktur, die von Sand, Feinboden und organischem Material ausgefüllt wird und die auf diese Art dann auch vor Verdichtung geschützt ist. Das ist enorm wichtig neben Straßen wegen vielfältiger Einflüsse wie Vibrationen, Verdichtung und nicht zuletzt Auftausalze – sie lassen das Porenvolumen von „normalem Boden“ stark schrumpfen, und die Baumgrube bietet nun vielleicht nur noch 300 Liter Luft, 900 Liter pflanzenverfügbares Wasser. Krieter und Malkus haben bereits vor 20 Jahren geschrieben: „Straßenstandorte, die einen Naturstandort oder einen Baumschulboden simulieren, funktionieren nicht“.
Die HBLFA Schönbrunn hat ein entsprechendes Substrat entwickelt, an dessen Verbesserung fortlaufend gearbeitet wird. Doch so gut das Substrat auch funktioniert, es löst nicht das Problem des fehlenden durchwurzelbaren Volumens. In der Planung und im Bau von städtischen Verkehrswegen sollten die Anforderungen der Bäume schon berücksichtigt werden. Es ist unmöglich, den erforderlichen Wurzelraum für die Straßenbäume in drei Mal drei Meter großen und 1,50 Meter tiefen Baumscheiben zu schaffen, wenn der Untergrund und die Seitenflächen für Bäume nicht besiedelbar sind. Die hochverdichteten Tragschichten sind nicht durchwurzelbar, denn ihnen fehlt vor allem eines: ausreichende Luftporen.

Die urbane Straßen- und Platzgestaltung muss neu überdacht werden. Man geht im allgemeinen davon aus, dass ein Baum etwa drei Viertel seiner Kronenprojektionsfläche an Wurzelvolumen benötigt. Bei einem Baum von zehn Meter Durchmesser sind das ca. 60 Kubikmeter durchwurzelbarer Raum.

Heute werden überbaubare Baumsubstrate oder Wurzelkammermodule angeboten. Solche Module (z. B. Aquasol, Greenleaf) lassen sogar eine erhöhte Pflanzung, vor allem bei der Platzgestaltung zu – mit Sitzmöglichkeit rund um die Baumscheibe. Die einfachere Lösung ist, folgt man den vielen Beispielen aus Skandivavien, die Unterbauten der Baumumgebung mit entsprechendem Grobsplitt zu bauen. In dieser Struktur bleibt etwa 25 Prozent als Poren offen, in denen Baumsubstrat, Wasser und Wurzeln Platz finden. Überdies ist eine Verdichtung nach RVS kein Problem. Entsprechende Systeme werden auch in Österreich getestet (z. B. Graz, Eggenberger Allee).

Große Wichtigkeit hat auch die Versickerung von Wasser im Baumgrubenboden. Versickert kein Wasser, kann ohne zusätzliche Maßnahmen (Dränage/Durchbrechen der Stauschicht) auch kein Baum gepflanzt werden. Viele Straßenbäume vertrocknen nicht, sie werden von den Pflegenden oder von Regenwasser ertränkt.

Wichtige Grundregeln
Baumsubstrate Treeparker smalBeim Pflanzen des Stadtbaumes gilt es auch eine einfache Gärtnerregel zu beachten: Bäume auf keinen Fall tiefer pflanzen als sie am Standort in der Baumschule standen. Das heißt, am Ballen selbst muss geprüft werden, ob der Baum nicht möglicherweise „überballiert“ wurde, und daher die Oberkante des Ballens gar nicht mit dem Wurzelansatz übereinstimmt.

Die Qualität des Baumes lässt sich am Ballen ersehen – Faustregel: Stammumfang x 3 = der Ballendurchmesser, und dieser sollte fest sein. Weiters gilt: Drahtkorb oder Jutetuch am Stamm lösen und etwas zur Seite schieben, sodass der Wurzelanlauf, die „Schulter des Ballens“, oberhalb des Erdreichs sichtbar ist. Teilweise wird in den Baumschulen der Stammfuß mit Farbe markiert, diese muss nach der Pflanzung des Baums nach Süden zeigend sichtbar sein. Bei Aufbringen von Mulchschichten muss entsprechend höher gepflanzt werden.

Der Pflanzschnitt, meist nicht beachtet: Hierzu werden die Konkurrenztriebe und dicke Äste komplett am Astring entfernt und das Kronenvolumen um ca. 20 bis 30 Prozent reduziert. In der Regel wachsen geschnittene Bäume leichter an.

Gut fixiert
Auch die Baumbefestigung ist ein wichtiger Faktor bei der An- bzw. Verwurzelung. Wenn ein Baum nicht richtig fixiert in der Baumgrube steht, bewegt er sich bei Stürmen, und neugebildete Faserwuzeln, die wichtig zur Aufnahme von Wasser und Nährstoffen sind, reißen immer wieder ab. Was passiert dann: Blattwelke und die Bäume erhalten mehr Wassergabe als nötig, ergo: sie geben irgendwann auf.
Eine gute Variante der Baumbefestigung ist die Dreipfahlverankerung bis in Höhe des Kronenansatzes, wobei ein Pfahl im Süden zur Beschattung des Stammes gesetzt werden sollte. Der Trend geht zum niedrigen Dreibock (ca. 80 bis 100 Zentimeter). Wichtig ist immer das Anbinden – ob mit Strick, Baumbinder oder -gurten – sie müssen fest sein, dürfen aber nicht einschnüren. Eine Nachkontrolle sollte regelmäßig stattfinden. Auch Halteseilverankerungssysteme sind zu empfehlen – wichtig ist ein stabiler Stand.

Die Unterflurverankerung (z. B. „Platipus“) bringt optische Vorteile, kann aber bei nicht fachgerechter Montage ein Absinken des Pflanzenballens nach sich ziehen, der Wurzelansatz wird zu tief in die Baumgrube gedrückt und ein Überschütten mit Substrat oder Mulchmaterial erfolgt.

Richtig bewässern
Baumsubstrate 2 Platipus smalDie Baumbewässerung ist ein weiterer, sehr wichtiger Faktor, denn Wasser ist der beste Dünger und sollte reichlich und regelmäßig erfolgen. Nicht nur bei Neupflanzungen, sondern auch in den Folgejahren und auch bei schlechterem Wetter ist sie notwendig. Bäume mit guter Wasserversorgung kühlen die Rinde wirksam gegen Risse und senken die Umgebungstemperatur. Für ein effektives Begießen soll der aus Pflanzerde, aber auch aus Plastikband ausgebildete Gießrand kleiner als der Ballenumfang sein um das seitliche Abrinnen des kostbaren Wassers zu verhindern.

Wie werden Bäume in Substrat gegossen? Auf keinen Fall mit eingebautem Gießschlauch und über die Hahnkappe. Lehmige Ballen in porenreichen Substraten trocknen sehr leicht aus, weil das Gießwasser am Ballen vorbei in den Untergrund rinnt.

Die Verwendung von Wassersäcken (z. B.: „Treegator“, „Tree-King“) ist ein einfaches, effektives und kostenreduzierendes Bewässerungssystem um öffentlich ausgepflanzte Bäume richtig zu versorgen. Diese mobile Tröpfchenbewässerung aus reißfestem Bändchengewebe in Sackform wird einfach um den Baumstamm gelegt, der Reißverschluss geschlossen und mit Wasser befüllt – fertig. Nun tropft das Wasser langsam an das Erdreich und durchfeuchtet dieses kontinuierlich bis an die Wurzeln.

Angeboten werden solche Bewässerungssäcke meist mit einem Fassungsvermögen von 75 Liter. Eine Füllung wird in ca. fünf bis sieben Stunden an den Boden abgegeben und kann so im Erdreich ohne Wegrinnen oder schnelles Versickern, je nach Witterung über mehrere Tage gespeichert werden. Unnötiger Wasserverbrauch und Gießintervalle, die über einen längeren Zeitraum verteilt werden können, sparen Kosten. Durch die Reißverschlusstechnik können mehrere Bewässerungssäcke zusammengefügt und so dem Stammumfang angepasst werden, das heißt jeder Baum bekommt je nach Größe des Stammes die richtige Wassermenge. Also sind solche Säcke nicht nur bei Neupflanzungen hervorragend geeignet, sondern auch zur „Erhaltung“ bei Trockenheit. Jede Gemeinde könnte diese gegebenenfalls mit dem eigenen Wappen ausstatten – dann erkennt man schon von weitem, die Stadtbäume werden richtig gepflegt.
Auch ein Stammschutz verhilft den Bäumen zum besseren Anwachsen und in den Folgejahren. Denn Sonnennekrose und Risse schädigen den gesamten Baum. Ab 45 Grad Celsius kommt es zu nicht sichtbaren Schädigungen unter der Rinde, daher sollten die Stämme mit Weißanstrich oder Schilfrohrmatten mit Hinterlüftung geschützt werden.

Notwendige Nährstoffe
Ohne Nährstoffe nur geringes Leben. Eine Zugabe von 8 bis 12 Gramm Reinstickstoff, also ca. 40 bis 60 Gramm Volldünger per Quadratmeter bei der Pflanzung und in den ersten fünf Standjahren sind empfehlenswert. Umhüllte mineralische Dauerdünger versorgen die Bäume optimal, eine Auswaschung von Nährstoffen und eine Übersalzung können dabei nicht zustande kommen. Bei organischen Düngern gilt aufgrund des meist unter zehnprozentigen Stickstoffgehalts die Anwendung der doppelten Menge. Ganz wichtig für einen guten Wasserhaushalt und Frostbeständigkeit: Die Pflanzen brauchen genügend Kalium (z. B. „Patentkali“).

Text: Brigitte Dunkl, Stefan Schmidt, Fotos: Greenmax/Aquasol, Platibus, Thinstock, Treegato

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